Inhalt
[Inhalt überspringen]ARBEITSBEISPIELE
Aus der Biographie "Zwischen Bodensee und Baikalsee"
Im Winter 1948 kehrt der 18jährige Artur nach Warschau an die Stätten seiner ersten Kindheitsjahre zurück. Er findet eine riesige Baustelle vor. Die prächtigen Paläste, Schlösser und Kirchen liegen in Trümmern.
"Ich hatte nur ein Köfferchen mitgenommen, weil ich ja nach zwei Wochen
wieder zu Hause sein wollte. Doch es kam anders und das Köfferchen
diente mir in den folgenden Monaten als ,Schrank' für meine wenigen
Habseligkeiten. Auch die warme Jacke, die ich mir in Deutschland aus
einem amerikanischen Armeemantel umgeändert hatte, tat mir in den kalten
polnischen Wintern gute Dienste. Die hellbraunen Sommerschuhe strich
ich mit schwarzer Farbe an.
Meine Reise vom Bodensee nach Warschau
dauerte über eine Woche. In den wenigen Personenzügen, die in
Deutschland überhaupt wieder fuhren, herrschte drangvolle Enge.
Fahrpläne existierten nicht. So musste ich oft stundenlang warten, bis
ich irgendwo einsteigen konnte. Meistens handelte es sich um Güterzüge,
die aber auch voller Menschen waren. Mein Weg Richtung Osten führte mich
zunächst in die Tschechoslowakei. In der Nähe von Prag schmuggelte ich
mich in einen Zug, der auf einem Nebengleis stand und voller Polen war,
die aus Deutschland in ihre Heimat zurückkehrten.
In einer Ortschaft in Oberschlesien, bereits auf der polnischen Seite,
endete
der Zug. Von dort aus schlug ich mich zu Fuß nach Breslau durch. Meine
Mutter hatte mir eine Adresse von Bekannten mitgegeben, bei denen ich
übernachten und mich ein wenig erholen konnte. Ich sehe noch heute diese
Straße voller Häuserruinen. Und es erschien mir wie ein Wunder, dass
das Haus meiner Gastgeber kaum beschädigt war und ich endlich wieder in
einem richtigen Bett schlafen konnte und eine warme Mahlzeit bekam.
Nach weiteren Tagen und Nächten in überfüllten Güterzügen kam ich
schließlich
mitten in der Nacht in Warschau an. Der zerstörte Hauptbahnhof war
noch nicht wieder aufgebaut, die Züge hielten in einem Randbezirk von
Warschau. Auf diesem ehemaligen Güterbahnhof hatte man direkt an den
Gleisen eine provisorische Halle errichtet, die nur mit dem
Allernötigsten ausgestattet war. Die restlichen Nachtstunden verbrachte
ich frierend in einem abgestellten Eisenbahnwaggon. Am nächsten Morgen
sah ich zu, dass ich ein paar Zloty in die Hände bekam, um mir etwas zum
Essen zu kaufen.
,Organisieren' hieß das Zauberwort. Und das war mir
nicht fremd. Jeder ,organisierte' in diesen Zeiten auf seine Weise. Wir
im Bodenseekreis fuhren von der französischen in die amerikanische
Zone, meistens in die Gegend um Mainz/ Ludwigshafen, und tauschten
französischen Cognac gegen amerikanische Zigaretten. Wenn man die
Zigaretten in der französischen Zone wieder verkaufte, bekam man das
Doppelte und Dreifache des Geldes, das man für den Cognac bezahlt hatte.
Nach Polen hatte ich ein paar Armbanduhren und Taschenuhren in meinem
Köfferchen geschmuggelt in der Hoffnung, sie hier verscherbeln zu
können. Wie sich herausstellte, waren sie sehr begehrt. Unauffällig
beobachtete ich die Menschen in der Bahnhofshalle. Und wenn mir einer
geeignet erschien, ging ich auf ihn zu und zeigte auf eine Armbanduhr an
meinem Handgelenk. In der Regel wechselte sie blitzschnell ihren
Besitzer und ich bekam dafür
genügend Zloty, um mich in den nächsten
Wochen über Wasser halten zu können. Die folgende Nacht verbrachte ich
auf dem nackten Boden der Bahnhofshalle. Meine Jacke diente mir als
Unterlage, der Koffer als Kopfkissen. Zum Zudecken hatte ich nichts. Mit
steif gefrorenen Gliedern machte ich mich am nächsten Morgen auf den
Weg zu der Adresse, die mein Vater in seinem Brief genannt hatte. Er
wusste nicht, wann ich ankommen würde, deswegen konnte er mich auch
nicht abholen. Und wer besaß in diesen Zeiten schon ein Telefon?"
Füllen Sie bitte die folgenden Felder aus, um untenstehenden Artikel zu verschicken.
vorherige Seite
Seitenanfang